Zwischen Wissen und Unwissen

Unwissenheit ist ein Segen – dieser Eindruck hat sich bei mir noch verstärkt, seitdem bei uns „was unterwegs“ ist. Im Internet kann man alles – aber auch wirklich ALLES – nachrecherchieren. Auch Dinge, die man lieber nicht gewusst hätte. Das fängt oft schon an bevor „was unterwegs“ ist. Statistiken die mir sagen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass es eh nicht klappt oder Jahre dauern kann. Dass es klappt, sich die befruchtete Eizelle aber nicht weiterentwickelt. Dass es eine Eileiterschwangerschaft wird. Dass der Embryo die ersten zwölf Wochen nicht überlebt und, und, und – kurz gesagt nichts, was ein Paar mit Kinderwunsch lesen will. Nicht falsch verstehen, man sollte sich schon bewusst sein, dass nicht immer alles wie am Schnürchen läuft, doch weiß man das nicht sowieso tief drin? Wären positive Gedanken da nicht hilfreicher? Ja, wären sie.

Schwangerschafts-Apps machen eine Schwangerschaft nicht leichter. Ich hab mir auch sofort eine auf‘s Smartphone geladen und sie regelrecht „gesuchtet“. Ich wollte jede nur mögliche Information über den Status meines Würmchens. „Jetzt ist es so groß wie ein Mohnsamen“, lese ich voller Aufregung vor. Zufällig gab‘s an diesem Tag als Brotzeit eine Knusperstange mit Mohn. Fasziniert betrachte ich das winzige Ding in meiner Hand. Und auch wenn ich jede Information aufsaugte, machte mich gleichzeitig jede Information verwundbarer. Nur ein Mohnsamen? Wie zerbrechlich, wie anfällig, wie unsicher, schoss es mir durch den Kopf. Wenn ich meiner Mama erzähle, ob das Baby nun gerade so groß wie ein Donut ist, wie ein Avocado oder sonst was, staunt sie jedes Mal. „So genau wussten wir das damals nicht“, ein Satz, den ich noch oft hören werde. Und ich beneide sie darum. Ein Beispiel: Großes Organscreening in der 21. Woche. Die Ärztin sagt: „Passt alles, ein bisschen größer als es müsste, aber das kann schon mal sein. Das gleicht sich wieder an.“ Meine Mama hätte sich damals in den 90ern mit dieser Aussage wohl erleichtert zufrieden gegeben, nicht so ich – die Millenial-Mama.

Zu Hause ziehe ich den Mutterpass heraus mit dem Datenblatt der großen Ultraschall-Untersuchung. Diesen richtig zu lesen, hat mir niemand erklärt, vermutlich aus gutem Grund. Denn als Nicht-Arzt kann ich die Werte ja gar nicht vernünftig interpretieren und einordnen. Ich tu es trotzdem – Google macht das schon. Und da bekomme ich Angst. Denn laut Internet-Recherche hat das Baby einen riesigen Schädel und ist generell für seine Verhältnisse einfach sehr groß (und wird reden hier immer noch von einem zarten Wesen, zur Mitte der Schwangerschaft).
Im selben Atemzug spuckt Google Forenbeiträge von besorgten Müttern, Net-Doktoren und sonstigen Experten  zu diesem Thema aus. Ich kann nicht anders, als darauf zu klicken. Nach wenigen Minuten bin ich überzeugt, dass ich entweder Schwangerschaftsdiabetis habe oder mein Kind einen krankhaften Wasserkopf hat – oder beides. Auch meine App sagt mir Gewicht und Größe, die es in der Woche haben sollte – es aber nicht hat – und ich bin weiter verunsichert. Nach vier quälend langen Wochen liege ich wieder auf der Liege bei der Frauenärztin: Der Diabetis-Test ist negativ und die Größe und das Gewicht des Babys haben sich wieder „normalisiert“ – in Anführungszeichen, weil es nicht unnormal für Babys ist, von der Tabelle abzuweichen. Bei der Geburt (Frühchen nicht mit eingeschlossen) ist alles von 2,5 bis 5 Kilo dabei. Irgendwann muss sich die Diskrepanz ja bilden, schlussfolgere ich. Der Kopf sei immer noch ein bisschen größer aber es „wächst alles schön mit“, versichert mir die Ärztin. 

So, jetzt reicht‘s! Ich erlege mir selbst eine Art Mediensperre auf. Google-Verbot gehört genauso dazu, wie dass mir die App einfach mal am Allerwertesten vorbeigeht, nachdem ich sonst immer mehrmals täglich (stündlich) reingeschaut habe.

„Sag mal, war bei dir das Auspulsieren der Nabelschnur auch so ein großes Thema?“, frage ich meine Mama, als wir am Neujahrstag Kisten mit meinen alten Babyklamotten durchstöbern. „Das was?“, ist auch Antwort genug. Ich erkläre es ihr kurz, und dass man das bei Krankenhäusern extra als Wunsch äußern sollte, beziehungsweise vorher abklären muss. „Hmm, ne da wurde einfach generell ein paar Minuten gewartet, bis du abgenabelt wurdest. Das hatte aber keinen Namen.“
„Und hat das Stillen eigentlich gleich geklappt?“ – „Ja, warum auch nicht?“
„Ich hatte doch einen Schnuller – hattest du keine Angst vor Saugverwirrung?“ –  „Vor was? Nein. Da gab‘s keine Probleme. Ihr habt beide immer schön getrunken und einen Schnuller gehabt.“
„Und wie hast du das Krankenhaus ausgewählt?“ – „Das nächstgelegene. Da, wo ich mich daheim gefühlt habe.“

Hmpf – ich bin baff. Dieser kleine Ausschnitt aus den Dingen, über die sich eine Millenial-Mama so ihre Gedanken macht – sich ihren Kopf zerbricht – haben für meine 90er-Mama einfach keine Rolle gespielt. Nicht, dass sie sich keine Gedanken gemacht hätte, aber sie konnte ja gar nicht recherchieren und tausende Meinungen auf sich einprasseln lassen. Sie hatte keine App und auch keine Soziale Medien, die einem bestimmte „Erziehungs“-Richtungen oder Lebensarten mit Kind vorgeben. Nur Stoffwindeln, die waren damals schon ein Thema unter Muttis.

Themen wie zum Beispiel Still-Probleme sind natürlich wichtig und sollen behandelt werden. Doch würde ich davon lieber erst hören, wenn ich welche habe und dann gezielt was dagegen tun. Komplikationen – wie schwerwiegend auch immer sie seien – treten nämlich selten auf, wohingegen es in den meisten Schwangerschaften einfach gut läuft. Das Internet und die Medien zeigen gefühlt aber genau das Gegenteil. Das geht schon dann los, wenn der Instagram-Feed „lernt“: Man ist ein, zwei Mal auf Profilen in denen jemand einen (unerfüllten) Kinderwunsch thematisiert und schon bekommt man ein zweites, drittes, viertes, usw. Profil in den Feed, mit ähnlichem Thema. Schnell hat man den Eindruck, ein Kind zu bekommen ist unmöglich. Das verunsichert. Auch die Fragen: „Wo wirst du entbinden und ist da eine Kinderintensivstation?“ triggert mich. Monatelang war ich genau wegen diesem Faktor zwischen zwei Krankenhäusern hin- und hergerissen. Ich habe mich viel damit beschäftigt und mich entschieden. „Nein, mein Krankenhaus hat keine Kinder-Intensivstation“, antworte ich und habe das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Die Frage nach der Intensivstation erweckt den Eindruck, dass wir sie brauchen werden. Und warum, darf man nicht einfach vom Besten ausgehen? Schließlich ist das Krankenhaus ohne Intensivstation immer noch ein Gebäude mit fähigen Ärzten und keine Hütte im Wald.

Schlussendlich machen wir Millenial-Mamas uns viel zu viele Gedanken, wissen zu viel, informieren uns zu viel und machen uns verrückt. Manche machen das einfach mit sich aus, andere versprühen ihre eigene Verunsicherung im Internet. #mumbashing gab es in den 90ern nicht. Klar, schief angeschaut wurde man sicher mal und es wurde vermutlich auch gelästert, doch man hat es nie erfahren und daher hat es einen nicht gejuckt. Ich bin ehrlich, ich fühle mich unglaublich gestresst davon, die „Anforderungen“ an eine Millenial-Mama zu erfüllen. Und zwar nicht die Anforderungen meiner Ärztin, die einfach gut für das Kind sind, sondern die von der Gesellschaft auferlegten. Bloß keinen Schnuller. Bloß kein Gläschen. Bloß keine Wegwerf-Windel. Bloß nicht dies, bloß nicht das. Ich habe keine Angst vor schlaflosen Nächten, davor mein Kind mit Liebe zu überschütten, und jeden Tag mein Bestes zu geben. Das bekomme ich schon hin. Ich habe nur Angst, es anderen recht machen zu müssen und befürchte, es ihnen gar nicht recht machen zu wollen.

Einige Gespräche mit Frauen, die bereits Kinder haben, und auch mit meiner Hebamme haben mir gezeigt, dass es doch anders ist, als es mir im Internet vorgegaukelt wird. Am Ende des Tages muss ich mich nur meinem Kind, mir und höchstens noch dem Baby-Papa gegenüber verantworten. Ich habe erfahren, dass die wenigstens jeden Tag frischen Brei kochen oder auch nur ansatzweise einen „perfekten“ Alltag haben. Es ist viel wahrscheinlicher, dass in der Schwangerschaft, und später dann mit dem Baby, alles gut verläuft und sich die Horrorgeschichten nicht bewahrheiten. Hätte ich das mal früher gewusst, was hätte ich mir Sorgen und Ängste erspart und mich stattdessen noch mehr auf mein Baby freuen können. Manchmal ist Unwissenheit ein Segen und manchmal das richtige Wissen entscheidend.